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Was ist MBT? Interview mit Dr. Markus Pawelzik

Am 9. Mai 2017 kommt Prof. Dr. Peter Fonagy, der Begründer der mentalisierungsbasierten Psychotherapie, nach Münster. Was ist eigentlich an dem Mentalisierungsansatz so besonders bzw. so interessant?

M.P.: Interessant ist, dass die mentalisierungsbasierte Psychotherapie (MBT) weder ein neuer Therapieansatz, noch eine neue Therapiemethode ist. Mentalisieren – das Wahrnehmen und  Erkennen mentaler Zustände -  ist vielmehr ein wesentlicher Bestandteil jeder Art von Psychotherapie. Die MBT betont dies und rückt das Mentalisieren ins Zentrum der therapeutischen Arbeit. 

Machen wir uns die generelle Bedeutung des Mentalisierens an einem einfachen Beispiel klar: Ihr Kollege begrüßt Sie mit „moin, moin“. Handelt es sich dabei um eine Floskel oder um eine Meinung? Sie spüren dies und reagieren je nach Interpretation desselben Verhaltens unterschiedlich. Weniger alltägliche Beispiele machen den Kern der Sache noch deutlicher: Wann und wie machen Sie einen Heiratsantrag? Man sich gut vorstellen, dass Sie sich eine Reihe ernsthafter Gedanken zu diesem Thema gemacht haben – Gedanken, die die Wünsche und Motive des Partners betreffen, den aktuellen Stand der Beziehung oder auch die Tagesform der oder des Angebeteten. Kurz: Auch wenn dies vielen nicht immer klar ist, die Art wie wir mit uns selbst und mit anderen umgehen, wird maßgeblich durch unsere Einschätzung des seelischen Befindens bestimmt. Wir „erfühlen“ mentale Vorgänge hinter dem Verhalten. Dadurch werden unverständliche Verhaltensweisen zu begründeten Handlungen, d.h. durch mentale Zustände wie Überlegungen und Entscheidungen herbeigeführte Handlungen.

Die Vorzüge unserer Fähigkeit zu mentalisieren sind groß: Wenn wir wechselseitig erkennen können, wie es um einen selbst und den anderen mental bestellt ist, dann erleichtert dies Kommunikation und Interaktion. Selbst die Verhandlung strittiger Punkte wird sehr viel leichter, wenn einem die unterschiedlichen Standpunkte und die möglichen Vermittlungswege klar sind.

Aber ist das nicht trivial, dass sich Therapeutinnen mit ihren Patienten über deren mentale Zustände verständigen.

M.P.:  Das mag trivial sein, doch sollte man das Folgende nicht übersehen: Wenig entwickelte und leicht wegbrechende Mentalisierungsfähigkeit findet sich regelmäßig bei psychisch Kranken. Die Irrationalitäten, Selbsttäuschungen, Konflikte und Interaktionsprobleme unserer Patienten sind regelmäßig auf Einschränkungen des Mentalisierens zurück zu führen. Insofern ist es nicht trivial, wenn Psychotherapeutinnen diese Mentalisierungsdefizite erkennen und den Patienten anregen, diese Fähigkeiten aktiv zu nutzen bzw. weiter zu entwickeln. Je nach Beispiel mag der Mentalisierungsansatz trivial erscheinen. Wenn wir in Not bzw. unter Druck sind, ist er es hingegen nicht.

Wie geht der MBT Ansatz mit den Mentalisierungsdefiziten des Patienten um, wenn er, wie Sie sagen, das Mentalisieren in den Mittelpunkt rückt?

M.P.: Die MBT-Therapeutin achtet auf die Mentalisierungsdefizite und schätzt diese diagnostisch ein. Sodann versucht sie das Mentalisieren ihres Patienten zu fördern. Dies geschieht durch kurze Fragen, die auf die Möglichkeit einer alternativen Betrachtungsweise zielen. „Sind Sie sicher, dass Ihre Frau Sie mit der Bemerkung verletzen wollte?“, „Sie sagen, X hat die Absicht Y zu tun: Wieso sind Sie sich da so sicher?“ etc. sind Beispiele solcher Fragen.

Zwei Punkte stehen anfangs im Zentrum dieser Bemühungen: Erstens, jeder von uns steckt in seinem Kopf, sieht die Dinge mit seinen Augen und interpretiert seine Erfahrungen auf seine Weise. Wir leben folglich in einer multiperspektivischen sozialen Welt. Meinungs- und Interessensverschiedenheiten sind deshalb das Normalste auf der Welt. Ich kann nicht erwarten, dass die anderen meine Sicht der Dinge teilen bzw. sich dieser unterwerfen. Zweitens, Mentalisieren ist fehlbar. Ich weiß nicht wirklich, was der andere denkt. Vielmehr imaginiere ich, was er denken könnte. Insofern geht es um eine offene, spielerische Annäherung an den anderen; um einen Prozess, in dessen Verlauf ich immer besser erkenne, wo der andere steht.

Die meisten Psychotherapiepatienten werden diesen beiden Punkten zustimmen, weil diese mit guten Gründen schwer zu bestreiten sind. In ihrem praktischen Leben sieht es jedoch ganz anders aus, wenn es um starke Gefühle und interpersonelle Konflikte geht. Wenn ich Angst habe, wütend werde oder mich durch den anderen unfair behandelt sehe, dann erfordert es überdurchschnittliche gedankliche Selbstbeherrschung um dennoch zu versuchen, die Situation mit den Augen des anderen zu sehen.

Damit deuten Sie an, dass Gefühle häufig das Problem sind. Wie ist die Beziehung zwischen Gefühlen und Mentalisieren zu sehen?

M.P.: Aus Sicht der MBT stehen die Gefühle im Zentrum des seelischen Geschehens. Wie es um mich hier und jetzt bestellt ist, dass wird vom vorherrschenden Gefühl bestimmt. Insofern ist effektives Mentalisieren stets ein im aktuellen Gefühl verwurzeltes Mentalisieren: Ich erkennen zunächst, was emotional los ist und versuche erst dann die Umstände, die zu dem Gefühl haben, zu interpretieren. Dabei ist klar, dass die „Richtigkeit“ und die Wirkmächtigkeit von Gefühlen größer ist als die von Interpretationen.